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ELVIS (160 Min – FSK: ab 6J.)

24. Juli 2022 |

Baz Luhrmanns neuer Film ist eine Sensation, ein filmisches Testament, das die Schlüsselereignisse des Lebens des größten Künstlers des 20. Jahrhunderts in elektrisierende, pulsierende Bilder fasst, die erstmals in der Karriere Luhrmanns nicht größer sind als das Thema seiner Filme, die seine Hauptfigur nicht in den Schatten stellen.

Baz-o-Rama. Luhrman-Vision. Es ist eine ganz besondere und unverkennbare Form des Kinos, das der Australier alle paar Jahre wieder produziert. Oder provoziert? Bevor der Film beginnt, setzt er sich selbst ein Denkmal, mit einem golden glänzenden Signet, umrahmt von seinem künstlerischen Glaubensbekenntnis: Truth. Beauty. Freedom. Love. Elvis Presley ist das Sujet, in denen jedes einzelne dieser Versprechen erstrahlt, weil egal, wie groß das Bild, wie wild die Montage, wie gigantisch die Szenerie, Elvis ist immer noch größer, hält dieses A-Wop-Bop-A-Loo-Bop-A-Lop-Bam-Boom des Kinos nicht nur aus, sondern verlangt danach, erhält die würdige Form. So ist es mehr als ein Rausch der Bilder, verschmelzen Form und Funktion zu einem modernen Epos, das nicht mehr und nicht weniger will, als im Spiegelbild von Elvis Aaron Presley die Geschichte Amerikas zu erzählen, den Finger in die Wunde dieses Landes zu legen, das vom Weg abgekommen ist und wenigstens 160 Minuten wiedervereint wird, wie die Musik von Elvis die Menschen vereint hat – ein Superheldenfilm mit Rock’n’Roll als geheime Superkraft. Manche Szene sind so schön und richtig, dass man weinen will.

„Elvis“ ist drei Filme in einem, ein Triptychon der Rebellion, gestaltet als durch und durch körperliche Erfahrung. Jeder dieser Teile endet mit einem Akt des Widerstands, jeder Akt mit einem Triumph, einer stolz erkämpften Unabhängigkeit, wie kurz und flüchtig sie auch sein will. Es sind die drei Momente, in denen sich Elvis erhebt gegen seinen übermächtigen Manager, Col. Tom Parker, der von seinem Sterbebett aus als Erzähler durch den Film führt, um sich gegen die Anschuldigungen zu wehren, er sei verantwortlich für den Tod seines Schützlings im Alter von nur 42 Jahren. 1956 ist Elvis nicht bereit, sich dem Diktat Parkers zu fügen, auf die anzüglichen Bewegungen zu verzichten, die ihn zum Star haben werden lassen, und antwortet mit einer Version von „Trouble“, die purer Sex ist und zu einem Aufstand führt. 1968 ist Elvis nicht bereit, sich zu fügen, nach acht Jahren zunehmend jämmerlicher Filmauftritte in einem Fernsehspecial Weihnachtslieder zu singen, und antwortet mit einem Auftritt in schwarzem Leder, das in Presleys profundestem politischen Statement gipfelt, dem hymnischen Gospelsong „If I Can Dream“ als Antwort auf die Ermordung von Martin Luther King und Robert F. Kennedy. 1977 hat Elvis nicht länger die Kraft, sich dem Diktat Parkers zu entziehen und leistet Widerstand mit dem radikalsten Akt seiner Karriere, seinem Tod am 16. August, ein fetter, lächerlicher, gebrochener Mann, dessen künstlerisches Erbe überdauert.

Dazwischen spielen sich große und kleine Dramen ab, wird man mitgerissen von der Musik, für die Baz Luhrmann Bilder findet wie noch kein Regisseur vor ihm. Die Triebfeder ist immer das antagonistische Spannungsfeld zwischen Elvis und Tom Parker, dem Showman und dem Snowman, der Künstler und der Verkäufer, THE NEW und THE SELL, in ständigem Ringen miteinander. Eine komplexe Beziehung, die psychologisch komplizierter ist, als einfach nur zu sagen, dass Elvis eine Marionette seines Managers war, der Geek in dessen brillant orchestrierter Sideshow. „Elvis“ ist noch so viel mehr. In dem Maße, wie dem auf den fahrenden Jahrmärkten des Landes und als Manager des Countrysängers Hank Snow in allen Businessfragen geschulten Parker, gespielt von Tom Hanks in einem Makeup, das in völlig unkenntlich macht und doch immer seine Persönlichkeit durchscheinen lässt, 1955 beim ersten Blick auf Elvis bewusst wird, das seine Kombination aus weißer Hautfarbe und schwarzem Musikempfinden ein hochexplosiver Mix ist, mit dem sich das Land erobern und viel Geld machen lässt, weiß auch der Film um die Herkunft von Elvis Presleys Musik. Es ist die Musik der Schwarzen. Und während man in „Elvis“ vergeblich auf Erwähnungen von Jerry Lee Lewis oder Eddie Cochran wartet, zieht eine Ahnengalerie der schwarzen Populärkultur an Elvis‘ und unseren Augen vorbei: Big Mama Thornton, B.B. King, Rosetta Thorne, Big Arthur Crudup, Mahalia Jackson, Little Richard, Fats Domino. Immer wieder manipuliert Luhrmann die Songs, verlangsamt sie, unterlegt sie mit Hiphop-Beats, bringt dem Zuschauer nahe, wie revolutionär es war, was dieserLastwagenfahrer aus Tupelo, Mississippi, da machte, wie er die Musik, die er als Kind in schwarzen Bars und bei Gottesdiensten in sich aufsog, um der Welt den Rock’n’Roll zu schenken. Über zwei Drittel der Laufzeit ist es der großartige Elvis-Film, den dieser Ausnahmekünstlerverdient hat; im letzten Drittel wird es dann ein großartiger Film, eine griechische Tragödie, ein Morality-Play, in dem es dann tatsächlich um die Seele der Hauptfigur geht und in dem Baz Luhrmann endlich seine Bestimmung findet. Was nicht möglich wäre ohne Austin Butler in der Hauptrolle, den der Regisseur in Tarantinos „Once Upon a Time in… America“ gesehen hatte und überzeugt war, seine Titelfigur gefunden zu haben: Butler verschmilzt mit seiner Rolle, die unverkennbaren Bewegungen von Elvis the Pelvis hat er sich nicht einfach nur angeeignet, er hat sie verinnerlicht, während es ihm in seiner beachtlichen Darstellung gelingt, den Menschen in Elvis zu finden wie auch den Superhelden, eine Projektionsfläche der Wünsche und Träume mehrere Generationen von Menschen, ein Sexsymbol für Frauen wie für Männer, ein androgyner Ikarus, dessen Talent ihn hoch fliegen und dessen Hybris ihn abstürzen lässt, in einem endlos erfindungsreichen Film, der allen Beteiligten das Beste abverlangt und immer wieder neue Wege findet, die zeitlose Musik anders und frisch erklingen zu lassen (to be viewed in cinema at maximum volume)